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Lange habe ich keinen so feinen und ansprechenden Film mehr gesehen, einen der so nah am erlebten Leben ist und dennoch über Probleme und Missstände spricht, die größer sind als das Schicksal einer kleinen Familie auf weiter Flur.

Der Film zeigt den Wandel einer lebensbejahenden, natürlich unbeschwerten und selten gewordenen “intakten Familie” (mit kleinen aber normalen Schwächen und Eigenarten) hin zu einer wahnsinnigen Zerstörung dieser Gemeinschaft, all ihrer Träume, Hoffnungen und Freiheiten. Verbissen und erfolglos versuchen die Protagonisten sich gegen die Invasion in ihre selbstgewählte Enklave zu wehren, nutzlos ist der Versuch Lärm, Dreck und Psychoterror der Autos aus ihrem Leben zu halten, dass sie bis jüngst an einem unfertigen Autobahnabschnitt führen durften.

Sicherlich kann man behaupten, dass es dem sonst so fürsorglichen Vater an Weitsichtigkeit gefehlt hätte, das Ende sei doch vorhersehbar gewesen, auch ist der innere Zerfall schon früh an den Charakteren und Eigenarten der beiden Töchter zu erkennen, die trotz aller Friedlichkeit keine so recht gesund wirkende Entwicklung an den Tag legen. Das eremitische und nach innen gerichtete Familiendasein spiegelt damit auch von Anfang an die Verlorenheit dieses “alten” Konzepts einer eigentlichen Familie wieder, wie wir sie heute kaum noch irgendwo in Deutschland oder Schweiz vorfinden dürften, ja wie sie auch kaum noch geduldet wird. Schließlich zählen Erfolg, Unabhängigkeit und Mobilität mehr, versteckt hinter Spießertum, falscher Prüderie und sinnbefreiter Aufgeklärtheit. Diese Gegensätze tauchen alle in den Charakteren des Films auf, direkt oder indirekt.

Die nun doch eröffnete Autobahn, die wie ein Messer Leben und Gewohnheiten der Familie zerschneidet, steht nicht für den Fortschritt an sich, sondern für unreflektierten Massenwahn, das Produkt einer irrsinnig gewordenen Globalisierung, das kleine Oasen von Natürlichkeit auch zerstört, wenn es sie nicht direkt plattwalzt, schlichtweg für die Ignoranz vor dem Leben an sich.

So endet der Film auch folgerichtig wie das Leben selbst: in Kapitulation und Flucht ins Nirgendwo.

Der Film zeigt unverhohlen was mit Menschen geschieht, die nicht bereit sind sich den Trends, Entwicklungen und Zwängen der geleiteten Masse anzupassen, ja vielleicht aus ihrem Naturell heraus nicht in der Lage sind dies zu tun – sie werden beiseite geschoben und ihre Existenz hat keine Bedeutung. Der Mut sich ein spezielles Leben zu wählen, Witz und Einfallsreichtumg zu zeigen um mit der schwierigen Situation umzugehen, wird letztendlich bestraft und nicht belohnt. Und das nicht von einzelnen schuldfähigen Individuen, sondern von der charakterlosen Masse, die sich wie eine Herde Schafe leiten lässt, vom System, vom Fortschritt, vom Wohlstand selbst.

Die ganze Machtlosigkeit des Individuums, ja selbst kleiner archaischer Gesellschaften, wird hier sichtbar, egal ob es darum geht sich selbst, oder die geliebten Menschen in der Nähe zu retten.

Ein Film, der wie kein anderer das ganze unlösbare Dilemma der modernen kapitalistischen westlichen Wohlstandsgesellschaften zeigt, ohne auch nur einmal das eigentliche Thema zur Sprache zu bringen. Es sind die Folgen die hier gezeigt werden, auf sozialer, psychologischer und ideeller Ebene.

Das Lachen aus der ersten Hälfte bleibt einem gegen Ende im Halse stecken und man fühlt sich allein. Sehr allein. Und missbraucht. Wohin soll man noch gehen, wenn sie einem das Postkartenbild weggenommen haben und man selbst aus der Einöde vertrieben wird?

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Schweiz 2008
Regie: Ursula Meier
Drehbuch:
Genre: Drama
Wertung: 8 von 10

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~ by bohei on Friday, 10. July 2009.

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